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3. Sonntag nach Trinitatis – 28. Juni 2020 – 26. Kalenderwoche

 Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.  Lukas 19,10

 

 

Heute zeigen sie ihm die kalte Schulter. 

Schon als Kind wollte ihn keiner dabei haben.

Vielleicht wegen seiner kurzen Beine, sportlich war er nie.

Oder weil er gelispelt hat.

Oder wegen seiner Eltern, die den Leuten immer mal was zu reden gegeben haben.

Früh schon wusste er: Mit mir will keiner.

Mich sieht nicht mal einer.

Wenn ich nicht da bin, fehle ich niemandem.

Und irgendwann hat er sich gedacht: Na, dann eben nicht.

Ich kann auch ohne euch.

Ich kann auch gegen euch.

Sein Beruf hat ihm da in die Hände gespielt. 

Vielleicht hat er gedacht, sie merken es nicht.

Vielleicht war es ihm ganz egal, ob sie es merken, sogar ganz recht.

Was sollen sie schon groß machen?

Normalerweise sind sie eben gerade so höflich zu ihm, wie es der Anstand erfordert. 

Schließlich wollen sie sich nun nichts nachsagen lassen.

Oder ist es ihre Angst davor, dass er ihnen richtig schaden könnte?

Aber geliebt haben sie ihn nie. Nicht mal gemocht.

Und heute zeigen sie ihm die kalte Schulter.

Irgendwas hat die Leute mutig gemacht. 

Der eine, sagen sie, kommt heute.

Der eine, sagen sie, der von Gott kommt. 

Da vorne, da ist er. 

Ihm aber verstellt die kalte Schulter die Sicht.

Keine Chance, durchzukommen.

In die erste Reihe will er ja auch gar nicht.

Auf den Baum da hinten, ganz hoch, das könnte gehen. 

Und es gelingt ihm.

Es ist ein guter Platz: freie Sicht und trotzdem selbst durch das Blattwerk vor Blicken geschützt.

Da ist der Gottesmann, er bewegt sich durch die Menschen, spricht mal den und mal den an. Plötzlich bleibt er stehen und hebt den Blick.

Und er sieht direkt in die Krone des Baumes, in die Augen dessen, der da oben sitzt,

in die Augen des kleinen Jungen, der immer an der Seite steht, in die Augen des Halbstarken, der keinen hat, um seine Kräfte zu messen, in die Augen des jungen Mannes, der zu bitter ist, um einen Menschen an sich heranzulassen,  in die Augen des Nachbarn, mit dem niemand sein Leben teilen will.

Und er lächelt:

Ich sehe dich.

 

Eine gesegnete Woche wünscht Ihnen

Pfarrer Achim Gerber