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2. Sonntag nach Epiphanias - 17. Januar

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. 

Johannes 1,16

Da ist es wieder, dieses große Wort. Gnade. Schwergewichtig kommt es daher. Wenn ich es höre, werde ich unruhig. Da steckt etwas drin, in dem Wort, was mir Unbehagen bereitet. Die Gnade, die mir zugesprochen wird, beinhaltet ein Fehlverhalten meinerseits. Ich hab was falsch gemacht. Ich bin schuld! Schuldig! 

Wenn man schuldig geworden ist, dann gibt es einen Richterspruch. Schuldig, oder unschuldig. Und ich hoffe auf einen gnädigen Richter. 

Ist das meine Erziehung, die mich gleich in die Verteidigungshaltung treibt? Ist das die Büßerhaltung, von der wir geprägt sind, wir protestantischen Christenleute? Aber halt: Davon ist hier gar nicht die Rede. 

Im Gegenteil: Hier wird von Fülle geredet! Keine persönliche Schuld wird angezeigt! Ein großes „Wir“ wird in den Raum gestellt, das alle Menschen umfasst, die vom Wort Gottes berührt sind. Also keine Gnade vor Recht! Sondern Gnade. Gnade als Lebensgefühl, das nicht an Grenzen stößt. 

So stelle ich mir die Fülle in einem Füllhorn vor. Das wird über uns ausgeschüttet und beschenkt uns von oben, von unten und von allen Seiten. Ich lebe in der Gnade gemeinsam mit allen Leuten, die dieses Wort gespürt haben. Ich bin nicht allein, sondern wir sind stark in dieser Gemeinschaft. Wir können miteinander arbeiten, uns streiten, uns versöhnen und an der Zukunft bauen. 

Gnädig kann ich sein mit mir und mit den anderen, denn ich schöpfe aus dem Vollen. Mit beiden Händen Gnade scheffeln, ohne schlechtes Gewissen. Ich bade in Gnade. Daraus kann ich Kraft schöpfen zum Leben. Wildes Leben, freies Leben. 

Vor etlichen Jahren (1982) sang Gitte Hænning ein Lied, das im Grunde von diesem Vers erzählen könnte: „Ich will nicht viel. Ich will mehr. Jetzt bin ich frei und will alles … Ich will leben.“

Ein Christenmensch, der sich der Lebensaufgabe mit Lust und Begeisterung stellt, könnte das auch singen. Das ist eine wunderbare Beschreibung des Lebens aus der Fülle der Gnade. Da wird das Leben mit vielen Möglichkeiten beschrieben – auch mit der Möglichkeit des Scheiterns. Eine Freiheit im Atmen, im Denken macht es möglich, über Grenzen zu gehen. Diese menschlichen Grenzen sind aber nichts vor Gott. Wir werden eben nie aus der Gnade fallen. Beneidenswert ist so ein Mensch, der das lebt und genießt. 

Die Gnade Gottes als Geschenk steht also vor mir und ich weiß, dass sie wirkt. Allein dadurch, dass ich sie wahrnehme, macht sie aus mir einen neuen Menschen. Sie macht aus mir einen Christenmenschen, der weiß, dass er von einer Gnade zur nächsten wandert. Umhüllt von einer wunderbaren Kraft – voller Liebe. 

 

Ein gesegnetes Wochenende und eine gute Woche wünscht

Pfarrer Achim Gerber